Kapitel II · Whispers of Autumn
FOREST HEART
Das Herz des Waldes
Der Regen hielt zwei Tage an. Morla störte das nicht besonders. Sie hatte genug Garn, genug Tee und inzwischen auch genug Übung darin, aus dem Fenster zu sehen und zu beschließen, dass der Wald einen weiteren Tag ohne sie auskommen musste.
Am dritten Morgen war der Himmel wieder klar. Morla öffnete die Tür der Hütte und blieb einen Moment auf der Schwelle stehen. Die Luft roch anders nach dem Regen. Feuchte Erde, nasses Holz und Laub mischten sich mit der kühlen Morgenluft. Von den Ästen fielen noch einzelne Tropfen, obwohl längst kein Regen mehr fiel.
Morla zog ihren Mantel an und machte sich auf den Weg. Sie hatte kein Ziel. Auf dem Woodland Trail entschied sie spontan, welchen Abzweigungen sie folgen wollte, blieb hier und dort stehen und stellte irgendwann fest, dass sie weiter gegangen war als sonst.
Dann hörte sie einen Ruf über sich. Morla hob den Kopf. Auf einem Ast saß ein schwarzer Rabe. Sie blieb stehen.
„Du.“ Der Rabe sah zu ihr herunter. Morla erkannte ihn sofort. Es war derselbe, dem sie an jenem Tag gefolgt war, als der Woodland Trail für sie überhaupt erst entstanden war.
„Lange nicht gesehen.“ Der Rabe antwortete nicht. Was Morla angesichts der Tatsache, dass er ein Rabe war, auch nicht besonders überraschte.
Er breitete die Flügel aus und flog davon. Morla sah ihm nach. „Diesmal laufe ich dir aber nicht hinterher.“ Sie ging weiter.
Einige Minuten später hörte sie wieder einen Ruf. Weiter vorne saß der Rabe auf einem anderen Ast. Morla blieb stehen. „Das ist jetzt nicht dein Ernst.“
Der Rabe legte den Kopf schief. Morla verschränkte die Arme. Dann musste sie lachen. „Na gut.“ Sie folgte ihm.
Nicht lange. Der Rabe flog nur wenige Male voraus, bevor er zwischen den Baumkronen verschwand. Morla wartete. Nichts. Kein Flügelschlag, kein Ruf. „Das war ja ausgesprochen hilfreich.“
Sie sah sich um. Den Woodland Trail konnte sie längst nicht mehr erkennen. Aber diesmal machte ihr das nichts aus. Der Wald war ihr nicht mehr fremd.
Morla ging weiter. Je tiefer sie zwischen die Bäume kam, desto älter schienen sie zu werden. Ihre Stämme waren breiter, ihre Wurzeln drückten sich mächtig aus dem feuchten Boden, und über ihr schlossen sich die Kronen zu einem dichten Dach. Dann sah sie ihn. Morla blieb stehen. Vor ihr stand ein Baum, größer als alle anderen ringsum. Sein Stamm war so breit, dass Morla ihn vermutlich nicht einmal mit beiden Armen hätte umfassen können. Die Rinde war tief gefurcht, an einer Seite zog sich Moos weit hinauf, und mächtige Wurzeln verschwanden wie erstarrte Wellen im Boden.
Morla ging langsam näher. Der Baum war nicht vollkommen gerade gewachsen. An einer Stelle teilte sich der Stamm, und dort, zwischen zwei alten Verwachsungen, hatte sich eine natürliche Vertiefung gebildet. Moos wuchs darin.
Morla betrachtete sie eine Weile. Je länger sie hinsah, desto deutlicher wurde die Form. Fast wie ein Herz. Nicht sauber. Nicht symmetrisch. An einer Seite etwas breiter als an der anderen, von Rinde durchzogen und halb mit Moos bedeckt. Aber es war da.
Morla legte ihre Hand auf den Stamm. Die Rinde war noch feucht vom Regen und kühl unter ihren Fingern. Sie wusste nicht, wie alt dieser Baum war. Vielleicht hundert Jahre. Vielleicht viel mehr. Er musste Winter erlebt haben, in denen Schnee schwer auf seinen Ästen gelegen hatte, Sommer voller Hitze, Stürme, Regen und unzählige Herbste wie diesen.
Morla nahm die Hand wieder herunter. Sie suchte nicht nach etwas, das sie mitnehmen konnte. Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Reise kam ihr dieser Gedanke überhaupt nicht.
Stattdessen setzte sie sich zwischen zwei der großen Wurzeln und lehnte den Rücken gegen den Stamm. Von irgendwoher hörte sie einen Vogel. Weiter oben bewegte der Wind die Blätter, und hin und wieder fiel noch ein Tropfen vom Regen der vergangenen Tage auf den Waldboden. Sonst geschah nichts.
Morla blieb. Sie wusste später nicht, wie lange. Eine halbe Stunde vielleicht. Vielleicht länger. Es spielte keine Rolle.

Als sie schließlich aufstand, legte sie noch einmal die Hand auf die alte Rinde. Dann machte sie sich auf den Rückweg.
Erst am Abend saß Morla wieder an ihrem Tisch. Vor ihr lagen Garn, kleine Holzperlen und die goldfarbenen Perlen, die inzwischen zu diesem Wald gehörten wie das Moos und die Blätter draußen. Doch diesmal begann sie nicht sofort. Sie dachte an den alten Baum. An seine Wurzeln. An die tiefe, unebene Rinde. Und an die kleine moosbewachsene Vertiefung in seinem Stamm.
Morla nahm das Garn in die Hand. Sie wollte den Baum nicht nachbilden. Das hätte sich falsch angefühlt. Auch die Herzform wollte sie nicht einfach kopieren. Was zwischen ihren Händen entstand, sollte sie vielmehr an das Gefühl erinnern, dort zwischen den Wurzeln gesessen zu haben. An einen Ort, an dem nichts von ihr verlangt worden war. An einen Baum, der schon lange vor ihr dort gestanden hatte und vermutlich noch dort stehen würde, wenn ihre Reise sie längst weitergeführt hatte.
Als Morla den letzten Knoten setzte, betrachtete sie das Schmuckstück lange. Dann wusste sie, wie es heißen würde.
FOREST HEART.