Kapitel I · The First Journey

THREAD SONG

Der Klang der Fäden

Thread Song Armband, in dem alle sechs Farben des ersten Kapitels miteinander verflochten sind

An einem ruhigeren Abschnitt der Küste entdeckte Morla eines Nachmittags eine ältere Frau, die vor einem kleinen Schuppen saß und ein Fischernetz ausbesserte. Das Netz lag weit über ihren Knien ausgebreitet, und während ihre Finger beschädigte Stellen suchten, führte sie den Faden mit einer Sicherheit hindurch, die Morla sofort vertraut vorkam. Dabei summte die Frau leise vor sich hin, eine Melodie ohne erkennbare Worte, die sich beinahe mit dem Rauschen des Meeres vermischte.

Morla blieb eine Weile stehen und sah ihr zu. Die Frau musste kaum auf ihre Hände schauen. Der Faden glitt durch die Maschen, kreuzte einen anderen, wurde angezogen und weitergeführt, als würden ihre Finger den nächsten Schritt längst kennen. Als die Frau Morlas Blick bemerkte, lächelte sie.

„Irgendwann“, sagte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, „hören die Hände auf zu fragen.“

Dann summte sie einfach weiter. Morla setzte sich auf die niedrige Mauer neben dem Schuppen und blieb dort noch eine Weile. Sie mochte die Ruhe dieser Arbeit, den gleichmäßigen Wechsel der Hände und dieses kaum hörbare Lied, das sich zwischen Wind, Wasser und Fäden verlor.

Morla sitzt neben einer älteren Frau an der Küste und sieht ihr beim Ausbessern eines Fischernetzes zu

Am Abend saß sie wieder an ihrem Tisch am Fenster. Wie inzwischen fast selbstverständlich öffnete sie die graue Werkstatttasche und ließ den Blick über ihre Garne wandern.

Diesmal griff sie nicht nach einer Farbe. Sie nahm sie alle. Schwarz, Rot, Taupe, Grün, den warmen Erdton und Blau. All jene Farben, die die Küste ihr in den vergangenen Tagen gezeigt hatte.

Ihre Finger begannen zu arbeiten, und schon bald liefen die Fäden übereinander, kreuzten sich, trennten sich wieder und fanden an anderer Stelle erneut zusammen. Morla dachte nicht darüber nach. Sie hörte nur das Meer vor dem Fenster und erinnerte sich irgendwann an das leise Summen der Frau.

Als sie später auf ihre Hände sah, lag dort ein einziges schmales Band. Alle Farben ihrer ersten Reise waren darin miteinander verbunden, keine wichtiger als die andere und keine für sich allein. Morla strich darüber und lächelte.

Vielleicht hatte die Frau recht gehabt. Manchmal hörten die Hände tatsächlich auf zu fragen. Und manchmal entstand genau dann etwas, das vorher noch keinen Namen gehabt hatte.

Morla nannte es Thread Song. Denn an diesem Abend hatten die Fäden ihr eigenes Lied gefunden.

← Zurück zu den Begleitern der ersten Reise