Kapitel I · The First Journey

GUARDIAN RING

Was dem Sturm standhält

Guardian Ringe in den sechs Farben und Steinen des ersten Kapitels

An diesem Morgen lag etwas Unruhiges über der Küste. Die Wolken zogen tief über das Meer, und der Wind strich so kräftig um die kleine Pension, dass die Fensterrahmen leise ächzten. Morla überlegte einen Moment, ob sie heute lieber drinnen bleiben sollte, doch die Unruhe draußen zog sie eher hinaus, als dass sie sie zurückhielt.

Sie nahm einen Weg, der höher an der Küste entlangführte als die Pfade der vergangenen Tage. Je weiter sie ging, desto rauer wurde das Wetter. Das Meer unter ihr war dunkel und aufgewühlt, und immer wieder peitschte Gischt gegen die Felsen. Auf einer Anhöhe entdeckte Morla schließlich die Reste eines alten Wachpostens, der dort oben schon seit vielen Jahren Wind und Wetter zu trotzen schien.

Viel war davon nicht geblieben. Ein Teil der Mauer stand noch, ebenso ein niedriger Rundbogen, dessen Steine vom Salz der Jahre glatt und hell geworden waren. An einer der Mauern hing eine kleine verwitterte Metalltafel. Morla trat näher und konnte die Worte darauf noch lesen:

Für jene, die hier wachten, wenn andere schliefen.

Sie strich mit den Fingern über die kalten Buchstaben und versuchte sich vorzustellen, wie viele Menschen an diesem Ort gestanden und hinaus auf das Meer gesehen hatten. Vielleicht hatten sie Schiffe erwartet, vielleicht vor Stürmen gewarnt, vielleicht einfach nur darauf geachtet, dass andere ruhig schlafen konnten.

Noch während Morla darüber nachdachte, zog der Regen heran. Innerhalb weniger Augenblicke trieb der Wind ihn beinahe waagerecht über die Anhöhe, sodass Morla hinter der alten Mauer Schutz suchte.

Dort war der Sturm noch immer zu hören, doch die Steine nahmen ihm einen Teil seiner Wucht. Das Meer schlug weiterhin gegen die Felsen, der Wind zog über die Anhöhe, und trotzdem fühlte sich dieser kleine Platz für einen Moment sicher an.

Morla lehnte sich gegen den kalten Stein und ließ den Blick über den halb zerfallenen Rundbogen wandern. Die Mauer hatte den Sturm nicht aufgehalten und den Regen nicht vertrieben. Sie war einfach geblieben und hatte dadurch genau das getan, was Schutz manchmal bedeutete: nicht alles fernzuhalten, sondern das Schlimmste abzufangen.

Morla sucht unter dem alten Steinbogen Schutz, während draußen Regen und Sturm über die felsige Küste ziehen

Dieser Gedanke blieb bei Morla, auch als der Regen später schwächer wurde und sie den Rückweg zur Pension antrat.

Am Abend saß sie wieder an ihrem kleinen Tisch am Fenster. Draußen zog der Wind noch immer um das Haus, doch im Zimmer war es ruhig. Morla öffnete ihre graue Werkstatttasche, legte Garn und ein paar kleine Materialien vor sich und begann, wie inzwischen fast jeden Abend, den Tag durch ihre Hände ausklingen zu lassen.

Ihre Finger griffen nach dem Faden und begannen zu knoten. Die Bewegung war vertraut, gleichmäßig und beruhigend, und Morla dachte nicht darüber nach, was daraus entstehen sollte. Sie ließ ihre Hände einfach arbeiten, während die Bilder des Tages langsam leiser wurden.

Erst nach einer Weile bemerkte sie, dass sich der Faden immer wieder zu einer geschlossenen Form führte. Ein Kreis. Morla hielt inne und sah genauer hin.

Sofort war sie wieder auf der Anhöhe. Sie sah die alte Mauer, den Rundbogen und den Regen, der an ihr vorbeigetrieben war. Sie erinnerte sich an dieses seltsame Gefühl von Sicherheit, obwohl draußen nichts aufgehört hatte. Da verstand sie, was ihre Hände aus diesem Tag mitgenommen hatten.

Schutz bedeutete nicht, dass nie wieder ein Sturm kam. Vielleicht bedeutete Schutz vielmehr, dass etwas da war, das blieb, wenn der Sturm kam. Etwas, das Halt gab. Etwas, das sich dazwischenstellte, ohne laut sein zu müssen.

Morla nahm den Ring zwischen die Finger und ließ ihn einen Moment im warmen Licht auf dem Tisch liegen. Dann gab sie ihm seinen Namen. Guardian Ring. Ein stiller Wächter für all die Momente, in denen man nicht verhindern kann, was von außen kommt, aber trotzdem nicht schutzlos bleiben muss.

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