Kapitel I · The First Journey
ELDERWEAVE
Was die Zeit nicht nimmt

Ein paar Tage später führte Morlas Weg höher hinauf, dorthin, wo die Küste steiler wurde und der Wind beinahe ungehindert über das Land ziehen konnte. Zwischen niedrigen Sträuchern entdeckte sie die Reste eines alten Gebäudes. Viel war davon nicht mehr übrig. Einige Mauern standen noch, andere waren längst eingestürzt, und Gras wuchs dort, wo früher einmal ein Boden gewesen sein musste.
Morla ging langsam hindurch. Sie wusste nicht, was dieser Ort einmal gewesen war. Vielleicht ein kleiner Wachraum, vielleicht eine Kapelle für Menschen, die aufs Meer hinausfuhren. Die Steine verrieten es nicht mehr. Doch ein Torbogen stand noch.
Er war vom Wetter gezeichnet, an einigen Stellen ausgebrochen und mit Flechten überzogen. Trotzdem verlief um seinen Rand ein breites Muster, das Morla sofort auffiel. Linien waren ineinander verschlungen, liefen übereinander und darunter hindurch, trennten sich und fanden wieder zusammen. An manchen Stellen hatte der Wind die Konturen fast ausgelöscht, doch selbst dort konnte Morla noch erkennen, wie das Muster weiterging.
Sie strich vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber. Es gab keinen Punkt, an dem sich eindeutig sagen ließ, wo es begann. Und ebenso wenig einen, an dem es wirklich endete.

Morla blieb lange vor diesem alten Bogen stehen und fragte sich, wie viele Jahre der Stein wohl schon Wind, Salz und Regen ausgesetzt gewesen war. Vieles um ihn herum war verschwunden, doch diese ineinander verwobenen Linien waren noch immer da. Nicht unversehrt. Aber geblieben. Vielleicht lag gerade darin ihre Schönheit.
Der Stein trug jede Spur seiner Jahre offen mit sich. Kleine Risse, raue Stellen und abgeschliffene Kanten erzählten nicht davon, dass er schwächer geworden war, sondern davon, wie lange er schon stand.
Morla setzte sich auf einen der umgestürzten Mauersteine und sah durch den alten Torbogen hinaus aufs Meer. Für eine Weile stellte sie sich vor, wie viele Menschen vor ihr wohl genau an dieser Stelle gestanden hatten. Menschen, deren Namen längst niemand mehr kannte, deren Schritte aber vielleicht dieselben Steine berührt hatten wie ihre eigenen.
Als Morla am Abend in die Pension zurückkehrte, blieb der breite, verschlungene Rand des Torbogens in ihren Gedanken. Sie setzte sich an ihren kleinen Tisch, öffnete die graue Werkstatttasche und ließ ihre Finger wie gewohnt den Tag zu Ende erzählen.
Diesmal griffen sie nach mehr Faden als sonst. Die Knoten wurden breiter, dichter und kräftiger. Zwei Reihen legten sich ineinander, liefen nebeneinander her und verbanden sich zu einem Muster, das fast so wirkte, als wäre es nicht geknüpft, sondern gewachsen.
Morla ließ ihre Hände arbeiten, ohne ihnen eine Richtung vorzugeben. Erst nach einer Weile hielt sie inne und bemerkte, dass vor ihr kein schmales Band entstanden war, sondern ein breiter Ring. Sie nahm ihn auf und drehte ihn langsam zwischen den Fingern.
Da sah sie den alten Torbogen wieder vor sich, die verwitterten Linien im Stein und all die Spuren, die die Jahre hinterlassen hatten, ohne das Muster ganz verschwinden zu lassen. Morla mochte diesen Gedanken. Dass Erfahrung nicht bedeutete, unberührt durchs Leben zu gehen. Dass Stärke vielleicht gerade darin lag, Spuren tragen zu können und trotzdem die eigene Form nicht zu verlieren.
Sie setzte den Ring auf ihren Finger und betrachtete das breite Geflecht. Elderweave. Ein Name für etwas, das nicht neu sein musste, um stark zu sein – und nicht unversehrt, um schön zu bleiben.